Blog

„Die Suche nach dem Gleichgewicht oder der gute Schweizer Kompromiss“ – Redetext zum 1. August 2014 im Alterszentrum Dübendorf

Twittern | Drucken

Mögen Sie sich erinnern, als Sie als Kind im Wald spazieren waren oder später mit Ihren eigenen Kindern und Sie den grossen Stapeln mit Baumstämmen vorbei gekommen sind, die am Wegrand sauber aufgetürmt da lagen, noch mit dem Geruch vom frisch geschnittenen Holz in der Nase? Man konnte nicht vorbei gehen ohne darauf zu balancieren, die Arme ausgestreckt einen Fuss vor den anderen setzen. Was für ein gutes Gefühl!

Liebe Besucherinnen und Besucher der 1. Augustfeier hier im Alterszentrum Dübendorf

am heutigen 1. August, unser Nationalfeiertag, ist eine Gelegenheit, sich zu besinnen, was wir an unserem Land haben, was uns als Schweizerinnen und Schweizer besonders auszeichnet.

Das sorgfältige Balancieren und Gleichgewicht suchen, so wie wir es als Kindern bereits geübt haben, scheint mir eine der Besonderheiten, unser Rezept, das unser Land einzigartig und erfolgreich macht.

Darüber will ich im Folgenden ein paar Worte verlieren und danach anhand von zwei immer wieder aktuellen politischen Beispiele beleuchten, was  das konkret heisst.

Das Gleichgewicht finden heisst oft in einem Mittelweg oder einem Kompromiss zu enden, daher will ich dann abschliessen mit Gedanken dazu, was es braucht, dass der Mittelweg nicht zum Mittelmass wird – dass der Kompromiss nicht zum faulen Kompromiss wird.

So werden Sie dann danach bei der nächsten Diskussion, wo verschiedenen Meinungen aufeinander treffen, mit demselben guten Gefühl wie damals auf den Baumstämmen die Suche  nach dem Gleichgewicht – dem guten Schweizer Kompromiss –  ganz bewusst geniessen können.

Das Schweizerische liegt im Finden des Gleichgewichts

Was macht uns Schweizer besonders aus? Diese Frage steht am Anfang meines ersten Teils.

Wir Schweizer sind selten Extrem und finden bei Spannungen meistens einen Mittelweg – einen guten Kompromiss. Wir kennen nicht nur schwarz oder nur weiss, sondern haben ganz viele Grautöne und Facetten

Dazwischen hat es viel Platz, in dem wir das Gleichgewicht suchen.

Wir wollen nicht alle gleich machen, wozu denn auch. Wir haben vier verschiedene Sprachen, mehrere Religionen.

Nehmen Sie Unterschiedlichkeit zwischen den Kantone in der Schweiz, auf so engem Raum: Ein Engadiner Haus oder einen Emmentaler Bauernhof, wie unterschiedlich sie sind.

Und doch gehören wir zusammen in einem Land.

Oder alleine bei uns in Dübi mit den verschiedenen Aussenwachten. Die Gockhauser, die Stettbacher, die in Hermikon oder die Gfenner, sie sind alle irgendwie anders, sind stolz auf ihr Quartier, haben gar eine eigene 1. Augustfeier. Sie fühlen sich als Gfenner, aber doch auch als Dübendorfer, Zürcher und Schweizer.

Wir Schweizer können eins sein ohne gleich zu sein.

Das geht nur weil wir trotz unserer Verschiedenartigkeit gemeinsam ein Gleichgewicht finden zwischen den Unterschieden und nie in ein Extrem kippen. Wir finden immer einen Mittelweg zwischen unseren Interessen und Eigenarten. Und nicht irgendeinen Mittelweg, sondern einen einen fein ausblancierten.

Er ist anspruchsvoll, oft nicht einfach zu finden, er braucht Wille und Konzentration.

Das gilt ganz besonders auch für die Schweizer Politik. Sie ist darauf spezialisiert auszugleichen. Sie hat daraus ein System gemacht. In dem müssen nicht nur die politischen Interessen gemeinsam einen Mittelweg finden, sondern auch die verschiedenen politischen Ebenen. Die Gemeinden – unser Dübi –  unsere Kantone und die Schweiz als Nation halten sich gegenseitig das Gleichgewicht.

Ich bin überzeugt, dass es uns Schweizer besonders macht, dass wir immer wieder ein Gleichgewicht finden, den weit herum bekannten Schweizer Kompromiss.

Zwei historische Spannungspaare, wo wir laufend auf der Suche sind

Ich will auf zwei Beispiele eingehen, wo wir immer wieder üben, das Gleichgewicht zu finden und uns nicht immer leicht tun damit.

Bewahren und Erneuern oder Bodenständigkeit und Innovationskraft

Das erste ist die Spannung zwischen unserer Bodenständigkeit und dass uns Sicherheit sehr wichtig ist, auf der einen Seite und die immer schnelleren Entwicklungen auf dieser Welt, die uns zur Erneuerung und Veränderung zwingen, wenn wir mithalten wollen.

Wir Schweizer haben es gerne verlässlich und sicher. So haben wir es auch den besten Banken und erfolgreichsten Versicherungsgesellschaften der Welt gebracht.

Andererseits bewegt sich die Welt um uns immer schneller, mit Technologischen Entwicklungen, die sie immer kleiner machen. Mit Handy, Internet und billigem Reisen. Da muss sich die Wirtschaft laufend neu erfinden, um dabei zu bleiben.

Innovation ist das Schlagwort.

Und wir leben von dieser Innovation, denn wir können nicht von Rohstoffen wie Öl oder Gold profitieren. Wir müssen erfinderisch sein.

Dieses Erneuern geht aber nicht ohne Risiko und nicht ohne Investition. Es kostet etwas , man muss Erspartes einsetzen, etwas riskieren, ohne 100% sicher zu sein, was raus kommt.

Wir haben was Innovation betriff eine gute Basis und eine Tradition auf der wir aufbauen können. Einzelpersonen, wie ein Betrand Piccard mit seinem Flieger der Solar Impuls oder Institutionen wie die Empa hier bei uns in Dübendorf mit Forschern, die an vorderster Front mit dabei sind. Doch es braucht stetige Anstrengung und Engagement, um dabei zu bleiben.

Hier bei uns in Dübi haben wir eine einmalige Chance mit unserem Flugplatzareal Raum zu schaffen, wo neue Ideen Platz haben können. So wie es vor 100 Jahren mit der Fliegerei der Fall war.

Schauen wir also dass wir das Gleichgewicht zwischen unserer Bodenständigkeit und der Kraft zur Erfindung und Erneuerung immer wieder suchen und genug Innovation Raum geben.

Offenheit und Abschottung

Das zweite Spannungsfeld, wo unser Gleichgewichtsinn besonders gefragt ist, ist unsere Beziehung mit dem Ausland und den Ausländer. Es ist das Spannungsfeld zwischen Offenheit und Abschottung zum Selbstschutz.

Das war schon immer ein grosses Thema. An die schwierige Situation während des 2. Weltkriegs, mögen sich sicher noch einige von Ihnen erinnern. Ein Ausnahmezustand.

Danach im Boom der Nachkriegszeit die Arbeiter aus dem Ausland. Die Italiener, die für uns gebaut und die Pizza in die Schweiz gebracht haben.

Fremdes Blut war oft auch eine Bereicherung: Erfolgreiche und wichtige Unternehmer wie zum Beispiel Nicolas Hayek sind als Ausländer in die Schweiz gekommen und haben viel zum Wohlstand beigetragen.

Und das Ausland ist auch wo unsere Kunden sind und das Geld her kommt für die Banken und Versicherungen.

Andererseits sind wir ein kleines Land und haben im Vergleich mit anderen Ländern gar viele Ausländer hier. Schulklassen in Dübendorf haben nur noch wenige Schweizer Schüler. Das macht Respekt und Angst davor, die eigene Identität zu verlieren.

In den Boomzeiten war schon nicht immer einfach, aber da gab es viele Gewinner.

Heute ist die Situation etwas anders. Heute bleibt ein ungutes Gefühl, wenn Jobs abwandern oder günstigere Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen.

Das Resultat der Abstimmung vom 9. Februar über die Initiative zu Thema Masseneinwanderung dieses Jahre hat die Suche nach dem Geichgewicht zwischen Offenheit und Abschottung besonders auf den Punkt gebracht. Es war ein sehr knapper Entscheid, der sehr deutlich macht, wie unsicher wir in unserem Gleichgewicht sind.

Da haben wir noch einen langen Weg auf dem Baumstamm vor uns, auf dem ich hoffe, dass wir nicht auf die Seite der Angst herunterfallen, sondern auch hier konsequent das Gleichgewicht im Auge behalten.

Das Gleichgewicht halten – Leidenschaftlich aber entspannt den Kompromiss üben

Beim Ausbalancieren führt der Weg dann oft zu einem Mittelweg und endet mit einem Kompromiss. Diesen Weg zum Kompromiss muss man pflegen und muss sich darum bemühen. Sonst kann er allzu schnell zu einem faulen Kompromiss werden.

Doch, was macht es aus, dass der Kompromiss nicht zum faulen Kompromiss wird? Ich glaube, es gibt drei Punkte, die da wichtig sind.

Als Erstes muss man entspannt an die Sache gehen. Seine eignen Interessen und Positionen sind wichtig, aber nicht die einzig richtigen. Sobald man verkrampft und ohne Toleranz daran geht, dann verhärten sich die Fronten und es wird schwierig das Gleichgewicht zu finden.

Als Zweites braucht es Leidenschaft und Freude am Balancieren. Wie als kleines Kind auf dem Baumstamm. Man muss ganz dabei sein und  sich konzentrieren. Nicht von Beginn weg den einfachsten Weg suchen oder den Kompromiss all zu schnell wollen. Der Kompromiss muss das Ziel bleiben und darf nicht am Anfang stehen.

Als drittes braucht es viel Übung. Wie oft ist man als Kind zu Beginn wieder links oder rechts herunter gefallen, bis man sich später mit grosser Sicherheit, sogar springend und hüpfend über den Stamm bewegt hat. Dieses Üben des Kompromisses startet im Alltag bei den Diskussionen in der Familie und mit Freunden, es muss in der Schule seinen Platz finden und wir müssen ihn in unseren Diskussionen am Stammtisch und in der Politik üben und pflegen.

Lasst uns also im Alltag bewusst den Kompromiss üben– mit Leidenschaft und ohne zu verkrampfen.

Ich komme zum Schluss und fasse zusammen.

Wir haben gesehen, dass uns Schweizer besonders macht, dass wir es immer wieder schaffen ein Gleichgewicht zu finden. Ich bin überzeugt diese feine Ausbalancieren hat uns als  Nation erfolgreich gemacht und ist eine wichtige Grundlage für unseren Wohlstand.

Diese Suche nach dem Mittelweg ist aber immer von neuem eine Herausforderung.

Zum einen balancieren wir zwischen unserem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Umstand, dass wir uns in der heutigen Welt mehr denn je erneuern müssen. Ohne Innovation gerät unser Wohlstand unter Druck. Darum müssen wir immer wieder Raum dafür schaffen.

Zum anderen balancieren wir zwischen der Offenheit gegenüber dem Ausland, von der die Schweiz bisher sehr profitiert hat und dem Bedürfnis nach Abschottung aus Angst davor, vor lauter Offenheit die eigenen Identität zu verlieren. Da müssen wir acht geben, uns nicht von der Angst beherrschen zu lassen.

Auf diesen Wegen zu guten Kompromissen müssen wir schauen, dass wir immer wieder das Gleichgewicht üben und darauf achten nicht in die Extremen abzukippen. Dies braucht einerseits eine entspannte Haltung und Toleranz, um nicht zu verkrampfen. Andererseits muss man Leidenschaft dabei sein, um konzentriert zu bleiben. Der Kompromiss muss das Ziel bleiben, darf aber nicht am Anfang stehen.

Wenn wir das nächsten Mal mit unseren Kindern, Enkelkindern, Nichten und Neffen oder vielleicht auch als Erwachsene ganz alleine im Wald unterwegs sind, und an einem Baustamm oder einem ganz Stapel von Stämmen vorbei kommen, dann lasst uns selber wieder mal versuchen, wie gut es sich doch anfühlt darauf zu balancieren und im Gleichgewicht über Baumstämme zu gehen.

Lieber Herr Guggisberg, Ihnen und Ihrem Team ganz herzlichen Dank für die Einladung an die heutige Feier hier im ASZ!

Liebe Gäste dieser 1. Augustfeier, Ihnen ganz herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Ich wünsche uns allen gutes Feiern hier im ASZ mit Freude und Stolz auf unser Land und unseren Gleichgewichtssinn.

Geniessen Sie bei der nächsten Diskussion, wo verschiedenen Meinungen aufeinander treffen, aus ganzem Herzen die Suche nach dem guten Schweizer Kompromiss.

Kategorie: Unkategorisiert | Kommentar schreiben

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zurück

Dominic Müller

Archiv