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Meine Vorrede zur Ustertagfeier 2016

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Ustertagfeier vom Sonntag, 20. November 2016

Vorrede

Wir haben heute ein politisches Klima, das sich zuspitzt.
Und zwar international, mit Populisten wie Le Pen, Orban oder Trump.
Sie bewirtschaften Ängste, verdrehen Wahrheiten, machen Politik zur Show.

Sehr geehrter Herr Korpskommandant Schellenberg,

Liebe Ustermerinnen und Ustermer,

Geschätzte Gäste,

ich heisse Sie herzlich willkommen zum Ustertag 2016!

Auch in der Schweiz besetzen führende nationale Politgrössen von ganz rechts durch ihre eigenen Medien über die letzten Monate systematisch Begriffe wie Elite oder Classe Politique negativ. Sie beschwören so Spannungen zwischen Politik und Bevölkerung herauf, um politisches Kapital daraus zu schlagen.

Noch vor hundert Jahren hatte die linke Seite dieses Feld besetzt. In der Sonntagspresse vor einer Woche hat sie ihren alten Leitbegriff von damals wieder aus der Mottenkiste geholt und gibt dem Kind einen prägnanten, aber auch aggressiven Namen: «Klassenkampf».

Doch springen wir in der Geschichte zurück. 1798 hatte die Helvetische Revolution der Zürcher Landbevölkerung politische Rechte gegeben, die sie sofort genutzt haben. Sie haben selbständig begonnen Schulhäuser zu bauen, gemeinnützige Anstalten und Gemeindevereine zu gründen.

1814 hat ihr die Bürgerschaft von Zürich die Rechte wieder entrissen.

16 Jahre später, im Sommer 1830, hat die Julirevolution in Paris auch die Schweizer Landbevölkerung angestiftet auf die Barrikade zu gehen. Das ist 186 Jahre her.

Was hat damals mit heute zu tun? Mehr als man denken könnte!

Impuls und Prozess

Eine Gruppe von engagierten Bürgern, allen voran die Herren Gujer, Hegetschwiler und Steffan, hatten auf den 22. November 1830 nach Uster eingeladen. Ohne Facebook und Twitter. Ohne Likes und Hashtags. Analog mit gedruckten Flugblättern sind gegen 12’000 Leute in Uster zusammengekommen. So viele, dass man den Event von hier auf den Zimiker Hügel verlegen musste.

Stellen Sie sich das vor: Zu Fuss. Gegen 12’000 Menschen. Dutzende von Kilometern. Freiwillig. Für eine politische Kundgebung. Aus dem ganzen Kanton. – Hand aufs Herz, wie viele von Ihnen wären heute gekommen, wenn Sie hätten vier Stunden zu Fuss gehen müssen?

Im sogenannten Uster-Memorial wurden die Forderungen festgehalten. Es ging um absolute Grundrechte der Gleichheit. Allem voran um die repräsentative Vertretung der Landbevölkerung im Rat.

Es macht den Ustertag aus, dass es trotzt aufgestautem Frust nicht zum einem richtigen Aufstand gekommen ist. Die Anführer der Bewegung haben es geschafft Ruhe und Ordnung zu bewahren. Sie haben den Tag moderiert und alles daran gesetzt Gräben zu überwinden statt zusätzliche Keile einzuschlagen, statt Konflikte zu schüren um primär ihre persönliche Macht auszubauen.

Auch heute haben wir es mit einer Unzufriedenheit zu tun. Die Globalisierung mit all ihren Abhängigkeiten gibt vielen Bürger das Gefühl, dass die Freiheit der politischen Entscheidungen verloren geht. Und die ungebremsten internationalen Kapitalströme geben das Gefühl einer steigenden Ungleichheit.

Selbst bei mir als aufgeklärtem Menschen und Manager in einem internationalen Grosskonzern steigen in meinem Milizpolitikerherz solche Gefühle auf, wenn ich mit am Tisch sitze, wo entschieden wird, die Stellen aus der Schweiz nach Krakau und in der Zwischenzeit von dort weiter nach Manila zu verlagern und damit ganz normale Jobs für ganz normale Bürger wie Sie und ich verloren gehen.

Aber seien wir ehrlich, unsere Unzufriedenheit heute bewegt sich auf einem ganz anderen Niveau. Wir haben eine direkte Demokratie, die direkter nicht sein könnte, die Burka- und Minarettverbote möglich macht, wir haben etablierte Institutionen und alleine in unserem Land einen Steuerwettbewerb der im internationalen Vergleich seinesgleichen sucht. Wenn man es mit etwas Abstand betrachtet, dann haben wir wirklich Probleme auf äusserst hohem Niveau.

Umso wichtiger, dass wir uns auch heute die Erfolgsfaktoren des Ustertags zu Herzen nehmen. Besonnenheit, Sachlichkeit und Ruhe statt Emotionen und Empörung zu schüren.

Reaktion und Resultat

Nur der Volksauflauf und das Uster-Memorial alleine macht es aber nicht aus. Es gab einige andere Memorials in diesen Zeiten. Und auch die Menge der Teilnehmer ist zwar beeindruckend. Was am Schluss aber zählt ist die effektive Wirkung. Der Ustertag hat etwas bewirkt. Erst dadurch wurde er zu einem der einzigen Anlässe, aus dieser wichtigen Phase, der bis heute jährlich mit einer offiziellen Feier begangen wird und über all die Jahre durch ein stehendes Komitee getragen.

Entscheidend war, dass die Regierung diese Forderungen als konstruktiven Beitrag für eine zukunftsfähige Lösung wahrgenommen hat. Sie hat zugehört, sie hat verstanden, was die Leute bewegt hat und vor allem, sie hat gehandelt. In Rekordzeit wurden die entsprechenden Korrekturen vorgenommen. Bereits am 6. Dezember 1830, d.h. nur 14 Tage später wurde das kantonale Parlament neu zusammengesetzt, gemäss den Forderungen des Ustertags und im März 1831 war die Verfassung geändert.

Die Regierung hat das Anliegen ernst genommen und sie hat darauf eine Antwort gegeben. Sie hätte die Organisatoren auch zu Staatsfeinden erklären können. So weit her ist das nicht. Man erzählt sich, Heinrich Gujer habe sogar den Pass dabei gehabt, um ins Badische fliehen zu können. – Demonstranten sind nicht zwingend Terroristen. Man hätte sie auch so nennen können. – Die Türkei macht es vor. Heute. Gleich um die Ecke.

Genau das ist auch heute die Verantwortung der Politik. Es gibt die genannten Ängste und Unsicherheiten. Wir als Entscheidungsträger der Politik müssen zuhören und verstehen wollen. Wir müssen den Handlungsbedarf umsichtig abschätzen. Wir müssen transparent und ehrlich sein, in dem was wir tun. Und dann müssen wir es auch tun.

Zusammenfassung und Abschluss

Ich ende mit einem Originalzitat aus dem Uster-Memorial:

« (…) bei der sich laut aussprechenden Gährung des Volkes, bei den anlockenden Beispielen in benachbarten Kantonen und in der Gewissheit, dass unter diesen Umständen nächstens gewaltsame Ausbrüche erfolgen würden (…)»

Die Geschehnisse zwischen der französischen Revolution und dem November 1830 haben also etwas gären lassen. Die Ungleichbehandlung, die Unfreiheit und bessere Bildung all dies war entscheidend für den so gross gewordenen Änderungsdruck.

Dieselben Elemente von vor 186 Jahren sind auch heute relevant:

(1) Gleichheit – Egalité: Das Bedürfnis, dass niemand abgehängt wird und alle einen fairen Anteil am Gewinn haben.

(2) Freiheit – Liberté: Die Bevölkerung möchte Entwicklungen verstehen und mitgestalten können.

(3) Bildung – erweitert um den universellen Zugang zu Informationen, sprich Internet. Wir können heute alles wissen und sofort. Und nichts lässt sich verheimlichen.

Die Ustertag-Feier ist eine Gelegenheit zu feiern, dass es unseren Vorfahren gelungen ist, auf friedliche Art und Weise unseren Staat zu dem zu machen, auf den wir heute so stolz sein können.

Die Ustertag-Feier ist der Moment für Achtsamkeit, wo sich heute Gräben auftun. Genau diese Tage ist dieses Thema besonders aktuell.

Und, im Dialog mit Besonnenheit und Vernunft lassen sich die Lösungen finden, die uns gemeinsam vorwärtsbringen.

Nehmen Sie diesen Geist mit in Ihren Alltag. Leisten Sie Ihren Beitrag am Zusammenhalt in unserem Land!

Und haben Sie jetzt viel Vergnügen bei den Worten des Referenten des Ustertags 2016, Korpskommandant Aldo C. Schellenberg –  und natürlich auch danach bei den anschliessenden Feierlichkeiten!

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Dominic Müller

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